Rathaus
        Blätter
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Der Architekt
Julius Otto Kerwien (1860 bis 1907)
 
  Der Architekt Julius Otto Kerwien gehörte um die Jahrhundertwende zu den bekannten und gefragten Potsdamer Baumeistern. Über sein Leben ist leider nur sehr wenig bekannt. Er wurde im Jahre 1860 geboren und starb 1907 in Potsdam.
Seine ältesten noch erhaltenen Bauten stehen in der Berliner Vorstadt, wo auch der damals sehr bekannte Potsdamer Architekt Ernst Petzholtz eine Reihe von Häusern geschaffen hat.
Kerwien entwarf in den Jahren 1896/97 für den Klempnermeister Wilhelm Rasch ein großes Mietshaus, das in der Mangerstraße 21 errichtet wurde.
Konservenfabrik
Zinnert (1897)
 

Wo sich zwischen Holzmarkt- und Türkstraße heute das Gelände der Potsdamer Verkehrsbetriebe erstreckt, befand sich um die Jahrhundertwende die Zinnertsche Konservenfabrik. Kerwien entwarf die dringend erforderlichgewordenen neuen Fabrikge-bäude in der Holzmarktstraße.
In den folgenden Jahren bis 1906 kamen noch verschiedene Erweiterungsbauten hinzu. Diese Gebäude sind heute nicht mehr vorhanden.

Kerwien war nicht der einzige Architekt, der mit der Projektierung von Fabrikgebäuden beauftragt wurde. Von Schinkel stammen Entwürfe für die Reithalle der Husaren, dessen Schüler Schadow und Hesse gestalteten die Königliche Waschanstalt.
Er befand sich also in guter Gesellschaft, wenn er neben eher repräsentativen Gebäuden auch eine Konservenfabrik baute.


Das neue Rathaus
kurz nach seiner
Fertigstellung
(um 1900)

Anfang des Jahres 1898 entschlossen sich die Gemeindevertreter von Nowawes zum Neubau eines Rathauses für ihren rasch wachsenden Ort.
Auch Kerwien bewarb sich mit einem Entwurf. Nach Sichtung aller Projekte entschied man sich für ihn, nicht zuletzt wohl deshalb, weil sein Ruf die Gewähr zu bieten schien, den Bau in der geforderten kurzen Zeit ausführen zu können. Er rechtfertigte auch im wesentlichen das in ihn gesetzte Vertrauen. Pünktlich zum 1. Oktober 1899 konnten die Büros der Amts- und Gemeindeverwaltung in das neue Haus umziehen.
Verzögerungen gab es bei der Vollendung des großen Saales und des Ratskellers. Daher fand die festliche Einweihung erst am 19. Januar 1900 statt.

 
Das Rathaus ist im Stile der märkischen Backsteingotik erbaut, es wirkt mit seinen reich gegliederten Fassaden sehr repräsentativ und wird gekrönt von einem 35 Meter hohen, weithin sichtbaren Turm.
Schmargendorfer
Rathaus im Jahre1902
 

Auch Schmargendorf, damals noch ein kleiner Ort vor den Toren Berlins, plante ein neuen Rathaus. Kerwien hatte sich mit dem Nowaweser Bau eine gute Empfehlung verschafft, so daß er als Architekt verpflichtet wurde. Auf den Bildern ist unschwer zu erkennen, daß beide Häuser bis in Einzelheiten viele Ähnlichkeiten aufweisen.

Das Schmargendorfer Rathaus wurde im Jahre 1902 fertigestellt. Zu dieser Zeit war Kerwien schon mit einem weiteren Auftrag beschäftigt, dem Bau der neuen Synagoge am Potsdamer Wilhelmsplatz.

Die Potsdamer
Synagoge nach
der Kristallnacht
1938
  Er entwarf für dieses Haus eine neobarocke Fassade, die sich gut in das damalige Ensemble einfügte. Das Haus wurde im Jahre 1903 geweiht. Im November 1938 wurde es, wie so viele andere Synagogen auch, geschändet und bei den Bombenangriffen im April 1945 stark beschädigt.
In den 50er Jahren wurde die Ruine abgerissen. Heute erinnert eine Gedenktafel an die alte Synagoge.

  Im Jahre 1907 baute sich Kerwien ein repräsentatives Wohnhaus in der Burggrafenstraße (heute Gutenbergstraße), die damals gerade für den Wohnungsbau erschlossen wurde.
Das Haus ist bis auf den Turmaufbau äußerlich fast unverändert erhalten geblieben. Sein Erbauer aber hat nicht mehr viel Freude an dem Haus gehabt, denn Julius Otto Kerwien starb im gleichen Jahr.
Wohnhaus
Kerwien
im Entwurf
und heute
    

Literatur
Berliner Architekturwelt, 5. Jg.:
Verlag Ernst Wasmuth, Berlin, 1903.
Bohle-Heintzenberg, Sabine:
Die Berliner Vorstadt. Berlin, 1997.
Kaelter, Robert:
Geschichte der jüdischen Gemeinde zu Potsdam (Reprint der Ausgabe von 1903). Hrsg. von Julius H. Schoeps und Hermann Simon. Berlin, 1993.
Klautzsch, Christine:
Das Rathaus Schmargendorf. Berlin, 1980.
(Magisterarbeit)
Bilder Nr. 1: Amt für Denkmalpflege Potsdam
Nr. 2: Potsdam-Museum
Nr. 3: Berliner Architekturwelt, 1903, S. 14
Nr. 4: Potsdam-Museum
Nr. 5: Amt für Denkmalpflege Potsdam
Nr. 6: Privat (1998)

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© CKeller Webpublishing   -  Letzte Änderung: 5. November 2000